Definition
Digitale Gewalt ist jede Verletzung der körperlichen, psychischen und sexuellen Integrität eines Menschen mit digitalen Mitteln.
Gemeint sind Gewalthandlungen, die unter Einsatz technischer Hilfsmittel und digitaler Medien ausgeübt werden und Gewalt, die im digitalen Raum, z.B. auf Online-Portalen oder sozialen Plattformen stattfindet.
Die heutigen Formen und Möglichkeiten digitaler Gewalt in ihren vielfältigen Ausprägungen haben das Problem der sexualisierten Gewalt in der analogen Welt noch einmal verschärft.
Motive für digitale Gewalt
Die Motive für digitale Gewalt sind ähnlich wie in der analogen Welt. Es geht um Machtdemonstration, Kontrolle, Demütigung und Verletzung der Würde von Personen.
Bei digitaler Gewalt im öffentlichen Bereich wie z.B. bei Hatespeech werden zudem Personen oder ihre politische Haltung angegriffen, um Menschen oder Gruppen zu degradieren. Dies trifft oft bekannte Personen, politisch Aktive, aber auch marginalisierte Gruppen oder auch Menschen im beruflichen Kontext.
Bei digitaler Gewalt im sozialen Nahraum wird oftmals analoge Gewalt durch digitale Mittel verstärkt (z.B. Cyberstalking) indem digitale Geräte und Anwendungen zur Überwachung verwendet werden (Installierung von Apps) oder Drohnachrichten per Smartphone verschickt werden. Betroffen sind oft (Ex)partnerinnen von Tätern
Auswirkungen auf Betroffene
Sexualisierte Gewalt ist ein fundamentaler Eingriff in die psychische und physische Integrität eines Menschen und kann langwierige körperliche, psychische und sozialen Folgen auslösen.
Die Folgen digitaler Gewalt unterscheiden sich nicht so sehr von analoger Gewalt. Sie werden nur verstärkt und sind schwerer kontrollierbar. Zudem findet Viktimisierung im Netz häufig mit großer Öffentlichkeit statt.
Eine zusätzliche hohe Belastung für betroffene Personen ergibt sich durch:
- die mangelnde Kontrolle z.B. über veröffentlichte Bilder und Aufnahmen,
- die ständige Unsicherheit, wo Daten und Aufnahmen veröffentlicht sind und wer darauf Zugriff hat
- die Angst vor Bloßstellung und sozialer und digitaler Ausgrenzung
- nicht bekannte Schutzmechanismen
Angst, Hilflosigkeit, sozialer Rückzug, psychosomatische Beschwerden, Selbstzweifel bis hin zu Erkrankungen, Arbeitsunfähigkeit und Isolation können Folgen digitaler Gewalt sein. Oftmals kennen Betroffene vorhandene Hilfsangebote nicht oder sie trauen sich nicht, sich Unterstützung zu holen. Um Kontrolle und Handlungsfähigkeit zurück zu bekommen, ist es jedoch wichtig, digitale Gewalt nicht als individuelle Erfahrung zu begreifen, sondern als weit verbreitete Gewalt, gegen die es ein Recht auf Unterstützung gibt. Dabei ist auch das soziale Umfeld und nicht zuletzt gesellschaftliche Verantwortung gefragt.
Hilfsmöglichkeiten
Viele Betroffene ziehen sich nach digitaler Gewalt zurück, meiden die sozialen Medien und fühlen sich machtlos gegenüber den digitalen Übergriffen. Es gibt jedoch Möglichkeiten, sich gegen digitale Gewalt zu wehren und Rechte einzufordern. Daher ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen und mit dem Erlebten nicht alleine zu bleiben. Vielleicht gibt es jemanden im sozialen Umfeld, dem man sich anvertrauen kann. Unterstützung gibt es aber auch durch die Beratungsstelle. Hier kann in Ruhe überlegt werden, welche Hilfen für die einzelnen Betroffenen notwendig sind.
Sicherheitstipps für technische Einstellungen und Möglichkeiten, sich gegen digitale Gewalt zu wehren finden sich hier: https://www.aktiv-gegen-digitale-gewalt.de/de/technik-sicherheit.html
Prävention und Vorsorge
Individuelle Vorsorge
Es gibt eine Reihe von technischen Möglichkeiten, um das Risiko digitaler Gewalt zu minimieren, die hier gut beschrieben werden: https://www.aktiv-gegen-digitale-gewalt.de/de/technik-sicherheit/techniksicherheit-hinweise-und-tipps.html
Wichtig ist es jedoch auch, den eigenen Umgang mit digitalen Medien zu reflektieren und die Technikkompetenz zu stärken. Die Einrichtung digitaler Medien anderen zu überlassen oder allzu sorglos mit Passwörtern umzugehen, eröffnet Möglichkeiten der Kontrolle und reduziert die eigene Handlungskompetenz.
Man sollte vorsichtig damit sein, persönlichen Daten (Adressen, Telefonnummern) zu weit zu verbreiten und sich fragen, wie viel Persönliches (Bilder, Videos, Inhalte) man öffentlich preisgeben möchte. Es ist auch wichtig, sich selbst klar zu machen, wo die eigenen Grenzen sind und diese im sozialen Umfeld klar zu benennen. Auch in einer Beziehung oder im Freundeskreis sollte über den Umgang mit sozialen Medien, Datenschutz und Grenzüberschreitungen geredet werden.
Verhalten im digitalen Raum
Generell ist es wichtig, dass man nichts ohne Einverständnis einer möglicherweise betroffenen Person tun sollte. Das können ganz einfache Dinge sein, z.B. Fotos nicht einfach ungefragt weiterzuleiten oder ins Netz stellen, gleich welchen Inhalts. Es gibt ein Recht am eigenen Bild und es ist zudem oftmals strafbar, Bilder und Videos ohne Einverständnis online zu stellen oder weiter zu leiten, insbesondere mit sexuellen Inhalten.
Darüber hinaus sollte man niemanden bloßstellen, beileidigen, keine herabwürdigenden Kommentare abgeben oder sich an Ausgrenzungen in einer Gruppe beteiligen. Wenn man mitbekommt, dass sexualisierte Sprüche oder sogar Fotos/Videos im Umlauf sind, ohne Einverständnis oder Kenntnis der betroffenen Person, sollte man diese informieren und Hilfe anbieten und/oder sich gemeinsam an eine Vertrauensperson wenden. Wenn man selbst oder ein Freund oder eine Freundin mit gravierenderen Formen sexueller Übergriffe konfrontiert wird, bedroht wird, erpresserische Mails oder Videos bekommt, ist es hilfreich, sich an eine Vertrauensperson zu wenden und sich externe Hilfe zu holen. Dazu gibt es Beratungsstellen vor Ort und auch im Netz eine Reihe von Unterstützungsmöglichkeiten. Dies ist auch anonym möglich. Es gibt auch die Möglichkeit, online Anzeige zu erstatten oder Inhalte zu melden.
Ganz wichtig ist es auch, dass diejenigen, die im Umfeld einer Person oder auch in Chats oder Onlineplattformen mitbekommen, dass ein Übergriff passiert ist, nicht die Betroffenen beschuldigen oder deren Verhalten bewerten. Bewertende Reaktionen über Betroffene können dazu führen, dass diese sich aus Scham zurückziehen, mit niemandem reden und sich keine Hilfe holen.