Betroffene sexualisierter Gewalt werden häufig dazu aufgefordert, über ihre Erfahrungen zu reden und das Schweigen zu brechen. Dies setzt jedoch ein gesellschaftliches Umfeld voraus, das Reden auch möglich macht.

Es gibt jedoch nach wie vor viele Vorurteile und Mythen im Kontext sexualisierter Gewalt, die dazu beitragen, dass Betroffene schweigen, nicht anzeigen oder sich nicht trauen, Hilfe zu holen.

Tief verankert sind Vorstellungen darüber, was eine Vergewaltigung oder ein sexueller Übergriff im sogenannten „Normalfall“ sei und wie Betroffene sich in einem solchen Fall verhalten würden. Der Mythos besagt, dass ein unbekannter Täter an einem öffentlichen und/oder abgelegenen Ort, eine Frau überfällt und mit dem Einsatz von körperlicher Gewalt bei starker Gegenwehr des Opfers Gewalt vergewaltigt. Je mehr ein sexualisierter Übergriff dieser Vorstellung entspricht, desto eher wird der Betroffenen geglaubt und es steigt die Wahrscheinlichkeit einer Anzeige oder einer möglichen Verurteilung.

Weicht der sexualisierte Übergriff von diesem Mythos ab, was eher die Regel als die Ausnahme ist, umso mehr gerät das Verhalten der Betroffenen in den Mittelpunkt. Nicht der sexuelle Übergriff selbst steht dann im Fokus, sondern das Verhalten der Betroffenen wird bewertet und sie werden mit Fragen konfrontiert: warum sind sie mit dem Täter in die Wohnung gegangen, hatten sie etwas getrunken, was hatten sie an, warum haben sie sich nicht gewehrt, etc. Diese Fragen und Schuldumkehrungen begegnen Betroffene auch oft in ihrem sozialen Umfeld. Misstrauen, Zweifel und Bagatellisierung sind leider häufigere Reaktionen als Unterstützung und Solidarität, gerade wenn die Täter aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis kommen. Oftmals werden auch falsche Vorstellungen darüber, wie Betroffene sich nach einer Tat verhalten sollten, als Begründung herangezogen, ihre Glaubwürdigkeit zu hinterfragen (z.B. die Annahme, jede Frau würde weinen, sich nach der Tat zurückziehen, etc). Während und nach einem traumatischen Erlebnis reagiert jedoch jede Person anders, so wie es für sie in der Situation möglich ist. Es setzen Überlebensimpulse ein, die je nach individuellen Voraussetzungen und Erfahrungen sehr unterschiedlich sind.

Wichtig zu wissen ist:

  • Jede Person kann unabhängig von Alter, Herkunft, Kleidung oder Aussehen von sexualisierten Übergriffen betroffen sein.
  • Sexualisierte Gewalt sind überwiegend geplante Taten und passieren häufig im sozialen Umfeld der Betroffenen.
  • Die Verantwortung für die Tat tragen die Täter*innen und nicht die Betroffenen.
  • Jeder Mensch reagiert auf ein traumatisches Erlebnis anders. Es gibt keine einheitliches und auch kein richtiges oder falsches Verhalten nach einem sexualisierten Übergriff.
  • Betroffene brauchen Unterstützung und Solidarität. Sie haben das Recht auf Hilfe. Wichtig ist, ihre Gefühle und ihr Verhalten zu akzeptieren, nicht zu verurteilen oder zu bewerten und keine Schritte oder Handlungen gegen ihren Willen einzuleiten.