Im Jahr 2010 wurde in einer davor nicht gekannten öffentlichen Dimension deutlich, in welchem Ausmaß in katholischen Schulen, aber auch in anderen Einrichtungen und Institutionen wie der Odenwaldschule Kinder und Jugendliche über Jahrzehnte systematisch missbraucht wurden.

Auch am Bonner Aloisiuskolleg und in der Scouting-Einrichtung Ako-Pro wurden in verschiedenen Untersuchungsberichten sexuelle Übergriffe, körperliche und psychische Gewalt an mehreren Schülergenerationen dokumentiert. Möglich wurden diese Veröffentlichungen durch den Mut der Betroffenen, die bereit waren, darüber zu reden, was ihnen angetan wurde und worüber sie viele Jahre nicht reden konnten oder durften. Rechtliche Konsequenzen waren überwiegend nicht mehr möglich, die Täter bereits verstorben, die Taten verjährt oder es gab keine gesetzliche Grundlage zur Strafverfolgung.

Als Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt wissen wir nach fast vierzigjähriger Arbeit wie lange es dauern kann, bis die Dimensionen sexualisierter Gewalt wirklich begriffen, ernst genommen und nachhaltige Veränderungen in die Wege geleitet werden. Verdrängung, Abwehr, Ambivalenz und Verleugnung sind zentrale Begriffe im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt. Es wird oftmals gefragt und nicht verstanden, warum Betroffene schweigen, warum sie sich auch nach vielen Jahren niemandem offenbart haben. Dafür gibt es vielfältige Gründe, die schwerwiegende Traumatisierung nach sexualisierter Gewalt ist aber nur eine Erklärung dafür.

Wichtige und seltener gestellte Fragen in diesem Zusammenhang sind: was hätten die Betroffenen gebraucht, um das Reden möglich zu machen? Welche Unterstützung, welche Haltung der Institution und deren Verantwortlichen, welche Reaktionen von anderen wären notwendig gewesen und sind heute noch notwendig, um nicht schweigen zu müssen? Und was hat dazu geführt, dass so viele weggeschaut, nicht eingegriffen oder nicht durchschaut haben, was passiert ist?

Diese Fragen werden ein einem Dokumentarfilm von Gereon Wetzel mit dem Titel „Sommerfahrt“ aufgegriffen, der aktuell in der WDR Mediathek zu sehen ist. Beleuchtet wird in eindrucksvoller Weise, wie Machtmissbrauch, sexualisierte Übergriffe und Abhängigkeiten in einem von außen nicht kontrolliertem System funktionieren und wie Betroffene und sekundär Betroffene, die in diesem Strukturen lange Zeit eingebunden waren, davon beeinflusst sind.

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Eine Besprechung von Anselm Neft

zum Beitrag der Berliner Zeitung

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